Am frühen Morgen liegen auf Grashalmen, Blättern, Autodächern und Spinnennetzen oft unzählige Wassertropfen, obwohl es in der Nacht nicht geregnet hat. Dieses Wasser ist Tau. Er entsteht nicht dadurch, dass Feuchtigkeit wie ein besonders feiner Niederschlag aus dem Himmel fällt. Vielmehr wird unsichtbarer Wasserdampf aus der bodennahen Luft direkt an einer ausreichend kalten Oberfläche zu flüssigem Wasser. Entscheidend sind deshalb nicht allein die Lufttemperatur und die relative Luftfeuchtigkeit, sondern auch die Temperatur des jeweiligen Gegenstands.
Das Phänomen lässt sich besonders häufig in klaren, windarmen Nächten beobachten. Boden, Pflanzen und andere Oberflächen geben dann Wärme an den Himmel ab und können stärker auskühlen als die Luft in der üblichen Messhöhe von zwei Metern. Erreicht eine Oberfläche den Taupunkt der angrenzenden Luft, ist diese unmittelbar an der Oberfläche gesättigt. Wasserdampf kondensiert, und die zunächst winzigen Tröpfchen wachsen im Lauf der Nacht. Genau derselbe Grundprozess spielt auch eine Rolle, wenn Fenster von innen beschlagen. Im Freien bestimmen jedoch Strahlung, Wind, Bewölkung und die Eigenschaften des Untergrunds besonders stark, ob Tau sichtbar wird.
Tau ist damit ein anschauliches Beispiel dafür, wie eng Temperatur und Luftfeuchte zusammenhängen. Er kann Hinweise auf den nächtlichen Wetterverlauf geben, beeinflusst Pflanzen, macht Wege rutschig und wird leicht mit Regen, Nebel oder Reif verwechselt. Eine genaue Erklärung zeigt, warum manche Flächen tropfnass sind, während wenige Zentimeter daneben kaum Feuchtigkeit zu sehen ist.
Wie bildet sich Tau Schritt für Schritt?
Die Luft enthält stets eine gewisse Menge Wasserdampf. Wie viel davon sie aufnehmen kann, hängt stark von ihrer Temperatur ab. Warme Luft kann bei gleichem Volumen mehr Wasserdampf enthalten als kalte. Kühlt ein kleines Luftpaket ab, steigt deshalb seine relative Luftfeuchtigkeit auch dann, wenn zunächst kein zusätzlicher Wasserdampf hinzukommt. Bei 100 Prozent relativer Feuchte ist die Luft in Bezug auf Wasser gesättigt.
Der Taupunkt markiert die entscheidende Grenze
Als Taupunkt wird die Temperatur bezeichnet, auf die ungesättigte Luft bei gleichbleibendem Druck abgekühlt werden muss, damit Sättigung erreicht wird. Der Deutsche Wetterdienst erläutert den Taupunkt entsprechend als Sättigungstemperatur. Liegen Lufttemperatur und Taupunkt dicht beieinander, ist die relative Feuchte hoch. Ein großer Abstand weist auf trockenere Luft hin.
Für die Taubildung muss nicht zwingend die gesamte Luftschicht auf den Taupunkt abkühlen. Es genügt, dass eine Oberfläche und die direkt an ihr liegende hauchdünne Luftschicht diese Temperatur erreichen. Die Wassermoleküle verlieren dort genügend Energie, um sich zu flüssigen Tropfen zusammenzulagern. Bleibt die Oberfläche oberhalb des Gefrierpunkts, entsteht flüssiger Tau.
Nächtliche Ausstrahlung kühlt Oberflächen ab
Nach Sonnenuntergang fehlt die kurzwellige Einstrahlung der Sonne. Gleichzeitig senden Boden, Pflanzen und Gegenstände weiterhin langwellige Wärmestrahlung aus. Bei klarem Himmel kann ein beträchtlicher Teil dieser Energie in Richtung Atmosphäre und Weltraum abgegeben werden. Die Oberfläche verliert dadurch Wärme und wird mitunter kälter als die darüberliegende Luft. Meteorologische Lufttemperaturen werden standardisiert in einer geschützten Messhütte etwa zwei Meter über dem Boden bestimmt. Dass das Thermometer dort beispielsweise fünf Grad Celsius zeigt, schließt eine deutlich kältere Grasoberfläche also nicht aus.
Wolken wirken in dieser Situation wie eine Gegenstrahlungsquelle. Sie absorbieren einen Teil der von unten kommenden langwelligen Strahlung und senden ihrerseits Wärme zurück. Eine bedeckte Nacht kühlt den Boden daher meistens weniger stark aus als eine klare Nacht. Dieser Strahlungseffekt erklärt, weshalb Tau häufig nach sternklaren Abenden auftritt.
Welche Wetterbedingungen begünstigen Morgentau?
Eine klare Nacht schafft gute Voraussetzungen, reicht aber allein nicht aus. Feuchte Luft in Bodennähe liefert den benötigten Wasserdampf. Nach einem regenreichen Tag, in Flussniederungen, über feuchtem Boden oder in der Nähe eines Gewässers ist das Angebot häufig größer als über sehr trockenem Untergrund. Auch Pflanzen geben über ihre Spaltöffnungen Wasser ab, wobei diese Transpiration nachts je nach Art und Bedingungen stark zurückgeht. Verdunstung aus Boden und Vegetation kann dennoch zu einer feuchten bodennahen Schicht beitragen.
Schwacher Wind ist ebenfalls günstig. Bei starkem Wind wird die abgekühlte Luft direkt an der Oberfläche fortlaufend mit wärmerer Luft vermischt. Dadurch bleibt die Oberfläche häufig oberhalb des Taupunkts. Vollkommene Windstille ist allerdings nicht immer optimal, weil eine sehr geringe Luftbewegung neuen Wasserdampf an die Oberfläche transportieren kann. Maßgeblich ist das Zusammenspiel: geringe Durchmischung ermöglicht die Abkühlung, während genügend Feuchte verfügbar bleiben muss.
Lange Nächte geben Oberflächen mehr Zeit zum Auskühlen. Deshalb fällt Tau in Mitteleuropa im Spätsommer und Herbst besonders auf. Das ist jedoch keine ausschließliche Herbsterscheinung. Auch im Frühjahr, im Sommer und bei geeigneten winterlichen Temperaturen oberhalb des Gefrierpunkts kann sich Tau bilden. Der Beitrag zum meteorologischen und astronomischen Herbstanfang erklärt, warum die jahreszeitliche Einordnung zwei verschiedene Stichtage kennt. Für die konkrete Taunacht sind dagegen die tatsächliche Bewölkung, Feuchtigkeit, Windstärke und Dauer der Dunkelheit entscheidend.
Warum sind Grashalme und Spinnennetze besonders nass?
Dünne Blätter und Grashalme besitzen im Verhältnis zu ihrer Masse eine große Oberfläche. Sie speichern wenig Wärme und können deshalb rasch auskühlen. Ihre Oberflächenstruktur bietet zugleich zahlreiche Ansatzpunkte, an denen sich winzige Tropfen bilden. Bei einem Spinnennetz ist dieser Effekt besonders gut sichtbar: Die feinen Fäden kühlen schnell ab, und die anhaftenden Tropfen reihen sich wie Perlen aneinander.
Nicht jedes Wasser auf einer Pflanze muss allerdings aus der Luft kondensiert sein. Manche Pflanzen geben bei sehr feuchtem Boden flüssiges Wasser durch spezielle Öffnungen an Blattspitzen oder Blatträndern ab. Dieser Vorgang heißt Guttation. Typisch sind größere Tropfen an bestimmten Stellen des Blattes, während Tau grundsätzlich auf geeigneten kalten Flächen entstehen kann. Im Alltag können beide Erscheinungen gleichzeitig vorkommen.
Auch Autodächer und Windschutzscheiben sind häufig betroffen. Glas und lackiertes Blech sind dem freien Himmel ausgesetzt und kühlen durch Ausstrahlung stark ab. Eine unter einem Carport stehende Scheibe bleibt dagegen oft trocken, weil das Dach den direkten Strahlungsaustausch mit dem kalten Nachthimmel reduziert. Das Dach selbst kann gleichzeitig nass werden. Der Unterschied entsteht somit nicht, weil unter dem Carport andere Luft vorhanden wäre, sondern vor allem durch die unterschiedliche Strahlungsbilanz.
Tau, Regen, Nebel und Reif richtig unterscheiden
Tau bildet sich an einer Oberfläche und fällt nicht aus einer Wolke. Regen besteht dagegen aus Wassertropfen, die in Wolken entstehen, wachsen und aufgrund ihrer Größe zu Boden fallen. Eine nasse Wiese nach einer trockenen Nacht kann deshalb taunass sein, obwohl ein Niederschlagsmesser keinen Regen registriert hat.
Nebel und Tau beruhen beide auf Sättigung, unterscheiden sich aber im Ort der Kondensation. Bei Nebel schweben sehr kleine Wassertröpfchen in der Luft und vermindern die Sicht. Bei Tau sitzt das Wasser auf dem Untergrund. Beide Phänomene können gleichzeitig auftreten, müssen es aber nicht. Der DWD beschreibt in einem meteorologischen Hintergrundbeitrag zu Taupunkt und Feuchte, weshalb der Abstand zwischen Lufttemperatur und Taupunkt ein wichtiger Hinweis auf die Feuchteverhältnisse ist.
Reif entsteht bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt. Wasserdampf kann dann als Eiskristall direkt an einer kalten Oberfläche abgeschieden werden. Daneben kann bereits vorhandener flüssiger Tau gefrieren, wenn die Temperatur erst nach seiner Bildung unter null Grad sinkt. Das Ergebnis sieht ähnlich aus, der Entstehungsweg ist aber nicht identisch. Bei Straßen und Brücken ist diese Unterscheidung praktisch weniger wichtig als die Folge: Eine scheinbar nur feuchte Fläche kann glatt werden, sobald ihre Oberflächentemperatur unter den Gefrierpunkt fällt.
Warum Tau nicht überall gleich stark auftritt
Material, Farbe, Wärmespeichervermögen, Wärmeleitung und Lage beeinflussen die Oberflächentemperatur. Ein massiver Stein, der tagsüber viel Sonnenwärme gespeichert hat, kühlt anders aus als ein dünnes Blatt. Eine frei liegende Fläche besitzt einen größeren Blickwinkel zum Himmel als ein Gegenstand unter einem Baum oder Vordach. Auch die Nähe zu Gebäuden verändert die Wärmestrahlung. Hauswände geben nachts gespeicherte Wärme ab und können die unmittelbare Umgebung etwas wärmer halten.
Kleine Geländeformen spielen ebenfalls eine Rolle. Kalte Luft ist dichter und sammelt sich in Senken. Dort kann die Temperatur in klaren Nächten stärker fallen als an einem Hang. Feuchte Wiesen in tieferen Lagen zeigen deshalb oft reichlich Tau oder später Nebel, während höher gelegene Flächen trockener bleiben. Lokale Unterschiede von wenigen Metern können sichtbar sein.
Die Tropfenform hängt zudem von der Benetzbarkeit der Oberfläche ab. Auf wasserabweisenden Pflanzenoberflächen zieht sich Wasser zu kugeligen Tropfen zusammen. Auf gut benetzbaren Materialien verteilt es sich eher als dünner Film. Eine Fläche kann daher feucht sein, ohne spektakuläre Tropfen zu zeigen. Umgekehrt lassen große, glänzende Tropfen eine kleine Wassermenge eindrucksvoller erscheinen.
Welche praktische Bedeutung hat Tau?
Für Pflanzen ist Tau eine zusätzliche, aber meist begrenzte Wasserquelle. Tropfen können direkt auf Blättern liegen, später zum Boden ablaufen oder nach Sonnenaufgang wieder verdunsten. In trockenen Regionen gibt es Organismen, die kleine Wassermengen besonders effektiv nutzen. Im mitteleuropäischen Garten ersetzt gewöhnlicher Morgentau eine ausreichende Bewässerung jedoch nicht. Ob der Wurzelraum genügend Wasser enthält, lässt sich nicht allein an nassen Blättern erkennen.
Lange Blattnässe beeinflusst außerdem Pflanzenkrankheiten. Viele Pilzsporen keimen leichter, wenn Oberflächen über Stunden feucht bleiben. Eine luftige Pflanzung und ein Standort, an dem Blätter nach Sonnenaufgang abtrocknen können, sind deshalb sinnvoll. Das bedeutet nicht, dass Tau Pflanzen grundsätzlich schädigt. Er ist ein normaler Bestandteil des Mikroklimas; problematisch wird eher ein dauerhaft feuchtes Milieu in Verbindung mit einem anfälligen Wirt und einem passenden Erreger.
Auf Wegen, Holzdecks, Metallflächen und Treppen kann Tau die Rutschgefahr erhöhen. Im Straßenverkehr beschlagen oder vereisen Scheiben und Fahrbahnen zunächst oft an besonders stark auskühlenden Stellen. Brücken reagieren schneller auf Temperaturänderungen, weil sie auch von unten auskühlen. Im Herbst treten neben Tau weitere auffällige Naturvorgänge auf; dazu gehört die im Beitrag über die Frage warum Blätter im Herbst bunt werden beschriebene Umstellung der Laubbäume.
Typische Irrtümer über Morgentau
Der häufigste Irrtum lautet, Tau falle vom Himmel. Sichtbare Tropfen entstehen jedoch an der kalten Oberfläche. Auch die Annahme, die Luft müsse überall null Grad oder kälter sein, ist falsch. Flüssiger Tau bildet sich gerade oberhalb des Gefrierpunkts. Unterhalb davon sind Reif oder gefrierender Tau möglich.
Ebenso wenig beweist Tau automatisch eine bevorstehende Schönwetterphase. Eine klare, ruhige Nacht spricht zwar häufig für eine bestimmte Wetterlage, doch daraus folgt keine verlässliche Vorhersage für den gesamten nächsten Tag. Wetterfronten können sich annähern, und lokale Taubildung sagt wenig über die weitere großräumige Entwicklung aus.
Schließlich ist die gemessene Lufttemperatur nicht mit der Temperatur jeder Oberfläche gleichzusetzen. Ein Grasblatt, eine Autoscheibe und eine Hauswand können zur selben Zeit verschiedene Temperaturen besitzen. Genau diese Unterschiede erklären, warum Tau fleckenweise auftritt und ein Gegenstand nass sein kann, obwohl die offizielle Lufttemperatur noch deutlich über dem Taupunkt zu liegen scheint.
Fazit: Morgentau ist Kondensation an ausgekühlten Flächen
Morgentau entsteht, wenn eine Oberfläche in der Nacht so weit auskühlt, dass die unmittelbar angrenzende Luft ihren Taupunkt erreicht. Wasserdampf geht dann in flüssiges Wasser über. Klare Himmel, schwacher Wind, feuchte Luft und lange Nächte fördern den Vorgang. Dünne Pflanzenteile, Spinnennetze, Glas und Metall zeigen die Tropfen besonders deutlich, weil sie rasch auskühlen oder Wasser gut sichtbar sammeln.
Das Phänomen unterscheidet sich klar von Regen und Nebel. Sinkt die Oberflächentemperatur unter den Gefrierpunkt, können statt flüssigem Tau Reif oder gefrorene Tropfen auftreten. Für Garten, Verkehr und Alltag ist deshalb nicht nur die Temperatur der Luft wichtig, sondern auch die oft niedrigere Temperatur exponierter Oberflächen. Der morgendliche Glanz einer Wiese ist somit das sichtbare Ergebnis von Wasserkreislauf, Wärmeabstrahlung und lokalem Mikroklima.
Häufige Fragen zu Tau
Die folgenden Antworten fassen die wichtigsten Abgrenzungen und praktischen Folgen des Naturphänomens zusammen.
Fällt Tau vom Himmel?
Nein. Tau ist kein fallender Niederschlag. Er entsteht, wenn Wasserdampf aus der Luft an einer kalten Oberfläche kondensiert. Die Tropfen bilden sich direkt auf Gras, Blättern, Glas, Metall oder anderen ausreichend abgekühlten Flächen.
Bei welcher Temperatur entsteht Tau?
Es gibt keine einzige feste Tautemperatur. Entscheidend ist der aktuelle Taupunkt, der vom Wasserdampfgehalt der Luft abhängt. Erreicht eine Oberfläche diesen Wert, kann Kondensation beginnen. Für flüssigen Tau muss die Oberfläche gewöhnlich oberhalb des Gefrierpunkts liegen.
Was ist der Unterschied zwischen Tau und Reif?
Tau besteht aus flüssigem Wasser. Reif besteht aus Eis und bildet sich auf einer Oberfläche unter dem Gefrierpunkt. Flüssiger Tau kann außerdem nachträglich gefrieren. Dann liegt gefrorener Tau vor, auch wenn das Erscheinungsbild Reif ähneln kann.
Warum bleibt Gras unter einem Vordach oft trocken?
Ein Vordach verringert den direkten Strahlungsaustausch mit dem freien Nachthimmel. Die geschützte Oberfläche verliert dadurch meist weniger Wärme und erreicht den Taupunkt seltener. Niederschlagsschutz allein erklärt den Unterschied in einer trockenen Nacht nicht.
Reicht Morgentau zum Gießen von Pflanzen?
In der Regel nicht. Tau liefert nur begrenzte Wassermengen, von denen ein Teil nach Sonnenaufgang verdunstet. Für die Versorgung einer Gartenpflanze ist die Feuchtigkeit im Wurzelraum entscheidend. Sichtbar nasse Blätter sind kein Beweis für ausreichend feuchten Boden.
Warum verschwindet Tau nach Sonnenaufgang?
Die Sonne erwärmt Oberfläche und bodennahe Luft. Dadurch steigt die mögliche Wasserdampfmenge der Luft, die relative Feuchtigkeit sinkt und die Tropfen verdunsten. An schattigen oder windgeschützten Stellen kann Tau entsprechend länger liegen bleiben.
Bildnachweis: Beitragsbild „Morgentau auf Grashalmen im Sonnenaufgang“, Foto: Elias Tigiser / Pexels, Foto-ID 1090745; Bild im Artikel „Tautropfen auf einem Spinnennetz“, Foto: Edu Raw / Pexels, Foto-ID 30726411. Nutzung gemäß Pexels-Lizenz.




